Shoes – Not only for the blind

Sabine Harrer

Blinde und sehbehinderte Menschen möchten nicht auf fremde Hilfe angewiesen sein, sondern in gleicher Weise ihrem Beruf, Hobbies und sozialen Kontakten nachgehen wie Sehende. Das nachfolgende Konzept soll sie in ihrer Selbstständigkeit unterstützen.

Der im Rahmen einer Bachelorarbeit entworfene Schuh soll blinden und sehbehinderten Menschen die Orientierung erleichtern. Mit Hilfe von Ultraschall erkennt er Hindernisse in der Umgebung. An der Vorderseite befindet sich ein kleiner Wandler, welcher die Ultraschallwellen aussendet. Das Obermaterial des Schuhs setzt sich aus zwei Textillagen zusammen. Die obere Lage wird von piezoelektrischen Fasern durchzogen. Diese erkennen die von Hindernissen zurückgeworfenen Schallwellen und registrieren gleichzeitig die Richtung, in welcher sich das Hindernis befindet. Der Träger bekommt im Falle herannahender Objekte Feedback über deren Position in Form von Reizstrom, der von der unteren Lage des Obermaterials ausgeht. Wenn sich also ein Hindernis aus einer bestimmten Richtung nähert, wird der Nutzer an dieser Seite des Schuhs ein Signal (eine Art „Kribbeln“) verspüren. Dessen Intensität steigt, je näher die Person der Barriere kommt. Dabei wird die Empfindlichkeit automatisch geregelt, so dass die Funktion nicht gestört wird, wenn die Person sich in einer größeren Menschenmenge bewegt.

Darüber hinaus weist der Schuh dem Träger den Weg. Der Nutzer kann in sein Smartphone das gewünschte Ziel eingeben, ähnlich wie bei gewöhnlichen Navigations-Apps, jedoch unter Verwendung der Sprachausgabe. Nun zeigt der Schuh mit Hilfe von Reizstrom an, wenn der Träger beispielsweise in eine bestimmte Richtung abbiegen soll. Um Verwechslungen vorzubeugen, wird hier eine andere Codierung verwendet, beziehungsweise die Reizstromsignale werden anders empfunden als beim Erkennen von Hindernissen.

Da Reizstrom unter anderem bei Muskelverspannungen oder zur Schmerztherapie eingesetzt wird und einen akupunktur- oder massageähnlichen Effekt erzielen kann, verfügt der Schuh zusätzlich über verschiedene  „Entspannungs-Programme“ für Ruhephasen.

Um das Ertasten der Bodenbeschaffenheit – die blinde und sehbehinderte Menschen zur Orientierung nutzen – zu erleichtern, ist die Schuhsohle deutlich dünner als herkömmlich. Um den Nutzer trotz der außergewöhnlich dünnen Sohle vor Verletzungen – beispielsweise falls dieser in Scherben tritt – zu schützen, wird die Strobelsohle (zwischen Sohle und Einlegesohle) aus Textil oder Kevlar in ein dilatantes Fluid getränkt. Dieses scherverfestigende Material erhärtet bei Stichen oder Stößen und kehrt unmittelbar darauf in einen flexiblen Zustand zurück.

In mehreren Interviews mit blinden und sehbehinderten Menschen kam zur Sprache, dass es Probleme gäbe Hauseingänge zu erkennen, selbst wenn die Person das gesuchte Gebäude bereits erreicht hätte. Daher ist ein lernfähiges System Teil des Konzeptes.

Über einen zusätzlichen Clip, können auch Hindernisse auf Brusthöhe – zum Beispiel Schilder oder Äste – und Gefälle erkannt werden. Er funktioniert ebenfalls mit Ultraschall und deckt dabei Winkel ab, die vom Schuh allein nicht erfasst werden können.

Bei der Gestaltung wurde besonders darauf geachtet, dass der Schuh den Träger nicht als sehbehindert kennzeichnet, sondern vielmehr ein begehrenswertes Objekt ist. Die Ästhetik ist an die Bedürfnisse von Blinden angepasst. Muster, welche die Oberfläche ansprechend gestalten sollen, sind dreidimensional und somit fühlbar.